Näfelserfahrt 2012- Rede bei der General Bachmann Gesellschaft –11. April 2012

Was können wir vom 9. April 1388 lernen, fragt mich ihr Präsident, Herr Divisionär a. D. Heer? Was können wir von einer Schlacht lernen, an der die 600 zahlenmässig weit unterlegenen Eidgenossen (Glarner verstärkt durch ein paar Urner und Schwyzer), gegen ein scheinbar übermächtiges Heer von 600 Mann zu Pferd und 6000 Mann Fussvolk den Sieg errangen?

Die alten Eidgenossen haben die Grundlage geschaffen für die Entstehung unseres Stolzes oder wie es auf dem Schlachtdenkmal von 1888 steht „Ihr heldenhaftes Vorbild – unsere Verpflichtung“. Mut – Heldentum – Entschlossenheit – nicht aufgeben – das Wissen zu haben, das Blatt selbst in aussichtslosen Situationen noch wenden zu können – derjenige der den Kampf um seine Heimat, um seine Freiheit und Ideale führt, ist stark. Das sind wohl die ersten Antworten auf die Frage, was wir für heute aus der Schlacht bei Näfels lernen können.

Hätte die USA Kenntnis von der Schlacht um Näfels, so hätte sie vielleicht verzichtet auf ihren militärischen Einsatz in Afghanistan? Nicht zu gewinnen, weil auch da Mut, Entschlossenheit, Ideale stehen, die verteidigt werden, auch wenn diese Ziele nicht mit unserem Verständnis von Freiheit oder Demokratie einhergehen. Vielleicht hätte aber schon das Wissen um die biblische Geschichte von David gegen Goliath gereicht, um zu solchen Erkenntnissen zu kommen. David siegt immer wieder – auc heute noch. Aber: Der Mensch lernt nicht aus der Geschichte. Er nimmt sie bestenfalls zur Kenntnis, aber er verinnerlicht sie nicht, weil das heute – so die Begründung, meist milde lächelnd vorgetragen – eben nicht vergleichbar ist mit den damaligen Zeiten.

Alle möchten wir zwar im Grunde Helden sein, mutig sein. Unsere heutigen Helden werden von den Medien gemacht: David gegen Goliath, das war einmal: Dschungelkönige, Superstars, Basejumper, Fussballidole das scheinen die neuen Helden zu sein. Die Sehnsucht nach dem besonders sein, ist uns Menschen wohl verinnerlicht. Wir wissen aber alle, das ist es nicht, was wir im Heldenhaften suchen. Suchen wir weiter, finden wir sie vielleicht bei denjenigen, die Wahrheiten aussprechen, die nicht dem Mainstream entsprechen. Da droht der mediale Pranger, der Entzug der öffentlichen Anerkennung, der Ausschluss von denjenigen, die akzeptiert sind. Es droht die Moralisierung. Das sei in der Schweiz nicht möglich, mögen Sie einwenden? Vielleicht würde es nur schon reichen, den Versuch zu wagen, zu sagen, der Entscheid über den Atomausstieg war ein Fehler, die Windkrafträder verschandeln die Landschaft, die letzten schönen Flusslandschaften der Schweiz werden zerstört – Schweiz weite Entrüstung dürfte ihnen sicher sein. Das darf nicht gesagt werden, weil es moralisch verwerflich ist. Es wird uns der Konsens aufgezwungen – der Dissens ausgetrieben. Heute brauchen wir Mut zum Dissens, Mut zur Mündigkeit gegen die Tyrannei der öffentlichen Meinung anzutreten (vgl. dazu Norbert Bolz).

Wir Urner (mit Willhelm Tell zum Beispiel, Morgarten oder Sempach) und Glarner (mit der Schlacht bei Näfels) aber können zufrieden sein. Die alten Eidgenossen haben es für uns gerichtet und das reicht jetzt über Jahrhunderte. Wir wiegen uns im Stolz, dass unsere Vorfahren diesen Mut, diese Entschlossenheit hatten. Und haben das Wissen, dass das heldenhafte Gen in uns fortdauert, über Jahrhunderte vererbt, unauslöschlich ist.

Beides sind wir kleine Kantone, die sich einer je länger je stärkere Übermacht der grossen Kantone und den Zentralisierungstendenzen des Bundes stellen. Natürlich kämpfen wir nicht in Schlachten, natürlich sind wir auch nicht bedroht in unserer Freiheit. Heldenhaft stehen wir hin! Tun wir dies wirklich und haben wir Mut, Heldentum, Entschlossenheit? Nein, tun wir nicht – wir haben uns ergeben, wir sind ruhig, halten uns still, wehren uns nicht für unsere Landschaften, unsere besonderen Bedürfnisse, unsere Bevölkerung. Es ist auch schwierig geworden, denn unser Stillhalten und unsere Lasten lassen wir uns mit NFA Geldern der anderen Kantone und des Bundes abgelten, wir, die wir einst so stolz waren. Geld macht träge, beide werden wir, wie der „Güggel“ von den Glarnern in unseren gemeinsamen Sage über den Grenzlauf, gut gehalten. Aber da gibt es Lichtblicke am Horizont, Glarus hat sich einen Namen gemacht mit den Gemeindereformen, Uri hat sich einen Namen gemacht mit Andermatt. Da leuchtet noch etwas auf vom einstigen Stolz. Ein kleines Schiff ist einfacher steuerbar als ein grosser Dampfer, ist agiler. Wir kleinen Kantone sind verpflichtet vowärts zu schreiten. Im Laboratorium des Föderalismus leuchtende Beispiele zu sein.

Dieses selbstkritische Bild mildert sich aber ein wenig, wenn wir die Situation des Bundes anschauen. Auch der Bund sieht sich vermeintlich übermächtigen Gegnern gegenüber, im Fluglärmstreit oder  im Bankenstreit zum Beispiel. Und was macht die einst so stolze Eidgenossenschaft – wo wir alle Teil davon sind, wo wir alle dafür verantwortlich sind? Wir leben den Kompromiss bis zur Selbstaufgabe bereits im Vorfeld von Verhandlungen. Was würde passieren, wenn wir Mut, Heldenmut an den Tag legen würden. Was würde eigentlich passieren, wenn wir selbstbewusster für unsere Interessen einstehen würden und als selbstbewusster, souveräner Staat unsere Interessen vertreten. Was wenn wir die Dossiers verknüpfen würden? Zum Beispiel die (fast) freie Durchfahrt am Gotthard, den Bau einer Neuen Alpenbahntransversale und den Strassenlärm in den belasteten Alpentälern mit fast nicht existierendem Fluglärm verknüpfen würden?

Entschlusskraft und Mut führt zum Erfolg – das haben uns die alten Eidgenossen vorgezeigt und noch so viele in der Geschichte. Die Sehnsucht nach Helden zieht sich durch die Geschichte der Menschheit. Wir bewundern jene, die mutig zuvorderst standen. Die wie Winkelried die Bresche schlugen, die wie Tell dem Unterdrücker die Stirn bot, die sich wie unsere Glarner mutig in Näfels dem Unmöglichen stellten. Wer erinnert sich an diejenigen, die in der hintersten Reihe standen und dank Geschick überlebten, um ihr Leben weiterführen zu können – immerhin hatten sie Nachkommen, die mutigen Kämpfer in der vordersten Reihe aber wohl nicht mehr. Vielleicht tragen wir daher auch nicht mehr das eidgenössische Heldengen in uns, weil wir eben nicht die Nachkommen der Mutigen sein können, weil diese in der Schlacht gefallen sind. Alle möchten wir Helden sein und wissen doch nicht, ob wir es sein könnten, in der Situation, in der wir persönlich am meisten gefordert sein werden. Wir wissen nicht, wann die Situation uns trifft, vielleicht haben wir sie schon verpasst, vielleicht vorbeiziehen lassen. Tief im Innern hoffen wir, dass das Heldengen der alten Eidgenossen uns noch nicht ganz verlassen hat.

 

 

 

 

 

 

 

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