400 Jahre Amtsleutetag

 

Obrigkeitliche Rede der Frau Landammann anlässlich des 400. Amtsleutetags

 

Herr Vogt

Geschätzte Damen und Herren Bruderschaftsmitglieder

Geschätzte Gäste

 

400 Jahre! Das ist Tradition – es ist aber auch Wandlung und Aufbruch. Es gibt heute nur ganz wenige gesellige Vereinigungen, die ein so stolzes Alter aufweisen wie die Urner Amtsleutebruderschaft. Ich freue mich deshalb, der Amtsleutebruderschaft im Namen des Regierungsrats zum grossartigen Jubiläum ganz herzlich zu gratulieren.

Gemäss dem Gründungsstatut aus dem Jahre 1614 handelt es sich bei der Amtsleutebruderschaft um eine Vereinigung

„aller im Dienste der Obrigkeit stehenden Amtsleute oder mit obrigkeitlichem Jahrlohn Besoldeten“.

Damals – vor 400 Jahren – bestand die Obrigkeit aus den sogenannten „Vorsitzenden Herren“. Zu ihnen gehörten der Landammann, der Statthalter, der Säckelmeister und seit 1836 der Bauherr. In ihrem Dienste standen die Landschreiber, Landesweibel und Läufer, die Zoller, Schätzer, Trommler, Pfeiffer und Horner, der Wächter auf dem Zeitturm und der Scharfrichter. Sie alle gehörten von Anfang an der Amtsleutebruderschaft an.

Inzwischen hat sich der Obrigkeitsstaat zum modernen Dienstleistungsstaat gewandelt. Als Folge davon umfasst die Amtsleutebruderschaft heute Angestellte der Kantonsverwaltung, des Kantonsspitals und der Kantonalbank. Seit 1972 ist die Amtsleutebruderschaft auch für Frauen offen. Das Datum ist jenes als in Uri das Frauenstimm und -wahlrecht nach jahrelangem heftigsten Widerstand angenommen wurde. Zu den „gnädigen Herren der Obrigkeit“ gesellte sich im Jahr 1996 mit der ersten Regierungsrätin eine Frau.

Der heutige 400. Amtsleutetag steht im Zeichen der jahrhundertlangen Tradition! Er setzt jedoch auch ein Zeichen des Aufbruchs. Dieser Aufbruch zeigt sich darin, dass die Bruderschaftsversammlung mit Andrea Gnos Stadler heute erstmals keinen Vogt, sondern eine Frau Vogt als Vorsitzende gewählt hat. Ich freue mich über diese Wahl und wünsche der Gewählten viel Glück und Erfolg im ehrenvollen Amt!

So wandeln sich also Traditionen doch! Gut so!

Auch die Kantonsverwaltung und die Amtsleute haben sich in diesen 400 Jahren grundlegend gewandelt. Die Kantonsverwaltung ist über die Jahre erst entstanden – dabei wurde sie nicht bewusst entworfen, sondern sie ist organisch mit den neuen Aufgaben der Politik gewachsen. Dabei dürfte allen klar sein, dass die Verwaltung oder Sie die Amtsleute, nicht nur stilles Vollzugsorgan der Exekutive waren und sind. Und das sollen sie auch nicht sein, die Politik – gerade im Milizsystem ist auf ihr Expertenwissen angewiesen.

Wenn wir auf 400 Jahre Urner Amtsleute zurückblicken – dann ist jedes wichtige historische Ereignis in Uri mit Bestimmtheit von den Amtsleuten vorbereitet, begleitet, angestossen oder vielleicht bekämpft worden.

So könnte wohl auch die Idee von 1900 als ein Automobilverbot in Uri erwogen und dann auch durchgesetzt wurde bei den Amtsleuten entstanden sein. Als das heftig bekämpfte Automobil nicht mehr aufzuhalten war, kam nämlich jemanden die findige Idee, „dass die Benützung der Gotthardstrasse auf herwärtigen Gebiet nur unter der Bedingung gestattet“ werden kann, wenn „das Automobil mittelst Wagen oder Pferd, keineswegs aber durch den Motor betrieben und von Andermatt nach Göschenen unter Polizeibegleitung spediert wird“.

Die Lösung mit dem Pferdekarren erscheint uns heute als absurd – aber das ist die Arroganz derjenigen, die den Ausgang der Geschichte kennen. Vielleicht entstand die Idee aber auch in den Stuben der Regierung (was, wie Sie vielleicht denken, wahrscheinlicher ist, weil sie eben als absurd erscheint). Was wir aber nicht denken, ja nicht zu denken wagen, sehr geehrter Herr Landratspräsident, dass jemals absurde Ideen im Landrat hätten entstehen können oder entstehen.

Damit möchte ich nicht die über Jahrhunderte immer wieder prägende Verkehrsgeschichte und den Widerstand gegen die Entwicklungen – bzw. die Uri auch immer wieder vorwärtsbringenden Entwicklungen ansprechen. Ich möchte vielmehr die Analogie ziehen, dass wir uns geistig wohl auch manchmal einen bremsenden Pferdekarren vor neuen Gedanken und Ideen haben oder diese erst gar nicht zulassen. Manchmal wird uns der Pferdekarren von aussen aufgezwungen, manchmal sind es unsere eigenen Widerstände im Kopf, die uns bremsen. Wie interessant wäre es, 400 Jahre vorauszuschauen und uns den Spiegel über unsere vorgespannten Karren vorhalten zu lassen. Liebe Amtsleute, machen Sie uns immer wieder auf vorgespannte Karren im Geist aufmerksam, versuchen Sie selber auch die Pferdekarren im Stall zu lassen und verneigen wir uns vor denjenigen, die Traditionen zu brechen wagen.

So wandeln sich Traditionen: Gut so!

Sicher ist, wir sind heute da, weil unsere Vorfahren so entschieden oder nicht entschieden haben, die Weichen so oder anders gestellt haben. Und unsere Nachfahren werden in vielen Jahren an einem Ort sein, weil wir so oder anders entschieden haben. Vielleicht ist der Lauf der Geschichte aber auch ganz ein anderer – und Uri wird wie bei vielem von dem zu profitieren wissen, was von aussen an uns herangetragen wird. Schöner ist aber, wenn wir selber Stein des Anstosses von Veränderungen wären. Handlungsbedarf besteht an vielen Orten – kämpfen wir für neue Ideen, für neue Strukturen, für neue Wege – lassen wir uns durch Pferdekarren, die auch uns vorgespannt werden, nicht entmutigen – dann versuchen wir es halt noch einmal.

Kein anderer Kanton hat wie Uri heute und auf Jahre hinaus derart faszinierende Projekte am Laufen: Der längste Eisenbahntunnel der Welt und das touristische Grossprojekt in Andermatt sind Aushängeschilder mit weltweiter Beachtung. Es ist deshalb spannend, in der Urner Regierung und ich hoffe auch in der Kantonsverwaltung tätig zu sein.

Konstante in der wechselvollen Geschichte Uris ist die Amtsleutebruderschaft. Sie zählt heute rund 700 Mitglieder, mehr denn je in ihrer 400jährigen Geschichte. Die zwölf grundsätzlichen Punkte der Gründungsurkunde haben im wesentlichen ihre Gültigkeit gehalten.

Gemäss dem Gründungsstatut haben die Mitglieder der Amtsleutebruderschaft

„alles zu unternehmen, was zur Erhaltung guter Freundschaft und zum ehrbaren Ansehen der Amtsleute beiträgt“.

Die Erhaltung guter Freundschaft unter den Amtsleuten war nicht nur in der Zeit des Obrigkeitsstaates, sondern auch heute, in der Zeit der modernen Dienstleistungsverwaltung, ein erstrebenswertes Ziel. Auch die Förderung des Ansehens ist nach wie vor ein lohnenswertes Ziel der Amtsleutebruderschaft: Ein Kanton, der wegen seiner kurzen Dienstwege und unbürokratischen Verfahren ein positives Image aufweist, hat im interkantonalen Standortwettbewerb ganz einfach die besseren Karten in der Hand.

Wir wissen, dass in den letzten 100 Jahren, seitdem man einigermassen verlässliche Quellen dafür hat, das Amtsleuten ein gesellig froher Anlass ist. 1897 schrieb Landschreiber Richard Lusser ins Urner Wochenblatt: „Bei Witz und Humor, bei Essen und Trank, bei Musik und Tanz, Donner und Doria! Wem sollte ein solcher Festteil nicht als gemütlich erscheinen? Mein Liebchen, was willst du noch mehr?“. Doch wehmütig klingt das Bekenntnis aus „Und das Ende vom Liede? Das Ausglimmen einer losgewickelten Zigarre eines müde heimwackelnden Amtsleutebruderschaftsgenossen; zuletzt – als Hinweis zur Busse: ein Häufchen Asche.“

Würde heute Landschreiber Lusser einen ähnlichen Bericht verfassen können? Wir würden ihm wohl raten:

Vergessen Sie die Zigarre, widerspricht dem Gesundheitsgesetz! Vergessen Sie Donner, Doria und das Häufchen Asche – widerspricht dem Umweltschutzgesetz! Vergessen Sie Witz und Humor – widerspricht der Political Correctness! Vergessen Sie das gemütlich heimwackeln: widerspricht dem Strassengesetz.

So wandeln sich Traditionen also: Leider!

Pflegen wir am heutigen Amtsleutetag direktions- und ämterübergreifend die Geselligkeit. Pflegen wir diese Tradition. Von einem guten Betriebsklima profitieren letztlich die Bürgerinnen und Bürger, die tagtäglich unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen.

Herr Vogt, geschätzte Bruderschaftsmitglieder, mit Ihrer Arbeit leisten Sie tagtäglich einen Beitrag, dass sich in Uri gut leben lässt. Ich danke Ihnen und allen Ihren Vorgängerinnen und Vorgänger im Namen des Regierungsrates und der Urner Bevölkerung herzlich für Ihr Wirken und das Einbringen Ihrer Fachkenntnisse für unseren Kanton. Dank Ihrem Einsatz sind wir heute da, wo wir sind, in einem im Aufbruch befindlichen Kanton mit hervorragenden Zukunftsperspektiven.

Ich danke Ihnen, Herr Bruderschaftsvogt, und dem gesamten Vorstand für die umsichtige Organisation des heutigen Jubiläumsanlasses. Einen besonderen Dank ausrichten möchte ich auch dem Bruderschaftschor und der Bruderschaftsmusik, die den Gottesdienst und das Bruderschaftsessen mit ihren Darbietungen feierlich umrahmt haben.

Brechen Sie mit Traditionen, wandeln sie Traditionen, erhalten Sie Traditionen: Ich schliesse mit den Worten von Franz Lusser: Liebchen was willst du mehr: Bei Witz und Humor, bei Essen und Trank, bei Musik und Tanz: Geniessen Sie den heutigen Jubiläumsabend und Donner und Doria: Wackeln Sie müde nach Hause!

 

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