Uri ist die Seele der Schweiz

„Uri ist die Seele der Schweiz»

WAHLEN ⋅ Heidi Z’graggen strebt eine vierte Amtszeit an. Sie will das Image Uris als Wohn- und Arbeitskanton verbessern. Dabei soll ein Griff in die Geschichte helfen.

Anian Heierli

Frau Landammann Heidi Z’graggen steht auf Nervenkitzel. Die Justizdirektorin verschlingt in ihrer Freizeit Krimis und historische Romane. Und die von ihr bevorzugten Werke haben eine entscheidende Gemeinsamkeit: «Damit ich ein Buch lese, muss mich die Geschichte schon nach den ersten drei, vier Seiten fesseln», sagt sie. Spannung sei das A und O. Eine Eigenschaft, die sie bei ihrer Arbeit schätzt. Denn obwohl Z’graggen (49) seit 12 Jahren die Justizdirektion leitet, ist ihr die Arbeit nie langweilig geworden. Im Gegenteil: «Jeder Tag ist anders», betont sie. «Für mich ist es eine interessante und herausfordernde Tätigkeit.»

An der Justizdirektion fasziniere sie das Zusammenspiel von klaren Strukturen und kreativem Spielraum. Mit klaren Strukturen meint Z’graggen den ganzen Gesetzesapparat. Doch zu ihren Aufgaben gehören auch die Raumentwicklung, der Natur- und Landschaftsschutz oder die Denkmalpflege. «Das ist sehr kreativ und gestalterisch», sagt sie. «In den vergangenen Jahren konnte ich so einmalige Themen begleiten.» Darunter fallen etwa das Resort in Andermatt oder die Vorbereitungen zur Raumentwicklung im Unteren Reusstal. Z’graggen kann sich deshalb gut vorstellen, das Justizdepartement zu behalten, ist gleichzeitig aber offen für Neues. Es überrascht also nicht, dass die Erstfelderin künftig vielseitige und departementsübergreifende Ziele verfolgen will.

«Wohnen im Dorf hat Zukunft»

«Uri ist ein attraktiver Wohn- und Wirtschaftsstandort», sagt sie. «Das Wohnen im Dorf hat Zukunft.» Heute ziehe es immer noch viele Personen in die Stadt. Doch der Bauplatz in Städten und deren Agglomerationen werde knapp. «Zu jeder Bewegung gibt es eine Gegenbewegung», erklärt sie. «Ich glaube deshalb, dass das Leben auf dem Land zum Trend wird.»

Aus diesen Gründen will sie das Projekt Dorfentwicklung weiter vorantreiben. Dabei versucht der Kanton zusammen mit den Gemeinden, günstigen und attraktiven Wohnraum zu fördern. «So kann die Abwanderung in Berggemeinden gestoppt werden», ist sich Z’graggen sicher. Und auch die Seegemeinden seien dank ihrer Lage schweizweit einmalig schöne Standorte. «Beim Projekt Dorfentwicklung geht es aber nicht primär um neue Wohnungen», so die Justizdirektorin. «Es geht darum, wie es möglich ist, bestehenden Wohnraum aufzuwerten und umzunutzen.» Im Blick hat sie die Gemeinden Wassen, Göschenen und Hospental, die aufgrund ihrer Nähe zu Andermatt und wegen der schönen Dorfkerne interessant seien. Doch auch das Schächental wirkt auf sie mit seinen charakteristischen Streusiedlungen reizvoll. «Trotz der ländlichen Lage sind die Dörfer im Kanton Uri gut erschlossen», so Z’graggen. Nun gelte es, einige Anstrengungen zu meistern: «Es muss geklärt werden, wo es leer stehende Wohnungen gibt und wie solche Projekte unterstützt werden.»

Industrie befindet sich im Wandel

Weiter erachtet sie ein umfassendes Flächenangebot für Unternehmen als äusserst wichtig. Denn die promovierte Politologin geht von einem Umbruch in der Industrie aus. Z’graggen rechnet damit, dass Firmen dank der Digitalisierung und den dadurch kürzeren Kommunikationswegen wieder vermehrt auf dem Land produzieren werden. «In Uri können wir Gewerbeflächen an bester Lage zu attraktiven Preisen anbieten», sagt sie. Ein attraktiver Wirtschaftsstandort brauche aber auch gute Verkehrsanbindungen. Deshalb müsse man die Neat, die im Juni eröffnet werde, als Chance packen. Mit den SBB wurde vereinbart, dass es am geplanten Kantonsbahnhof in Altdorf ab 2021 sechs bis acht Neat-Halte pro Tag gibt. Unklar ist dagegen, wie oft die Neat bis 2021 hält. «Hier ist es wichtig, dass wir mit Ob- und Nidwalden zusammenarbeiten, damit wir gemeinsam für diese Region eine Art Zentralbahnhof mit genügend Fahrgästen stellen können.» Gespräche zwischen dem Urner Regierungsrat, dem Bund und den SBB seien bereits am Laufen. Auch als Verantwortliche für die Denkmalpflege sieht Z’graggen im Kanton Uri viel Potenzial: «Wir können grossen Nutzen aus unserer Geschichte ziehen», betont sie. «Vom Säumerpfad über den Postkutschenweg bis hin zur alten Gotthard-Bergstrecke der Bahn haben wir einmalige Zeitzeugen menschlicher Schaffenskraft.»

Verkehrslandschaft als Chance

Konkret will Z’graggen diese historischen Bauten bekannter machen. «Die Urner Verkehrslandschaft ist für ganz Europa einmalig. Verkehrsgeschichte wird am Gotthard auf den Punkt gebracht.» Beispielsweise gebe es zahlreiche Eisenbahnfans, die sich brennend für den Gotthard interessierten. «Mit unserem historischen Erbe sind wir eine Art Seele der Schweiz», so Z’graggen. «Auch deshalb wird Uri künftig mehr Bedeutung und Wert bekommen.» Ihre Prognose stützt sie auf das jüngst wachsende Interesse an historischen Begebenheiten wie der Schlachten bei Marignano oder bei Morgarten. «Ich würde mich freuen, wenn ich die Geschicke des Kantons weiter mitgestalten darf und danke den Urnern für ihr Vertrauen.»

Auf dem heissen Stuhl:

Heidi Z’graggen, der Fall Walker hat für nationalen Wirbel gesorgt. Der Justiz werden Fehler nachgesagt. Dennoch haben Sie keine Stellung zu den Vorwürfen genommen. Wäre eine offenere Kommunikation für das Image Uris nicht besser ge­wesen?

Heidi Z’graggen: Die Justizdirektion kommuniziert zurückhaltend, da es sich um ein laufendes Verfahren vor Gericht handelt. Es ist nicht opportun, sich als Regierung respektive Justizdirektion dazu zu äussern. Es besteht immer die Gefahr einer Einmischung zwischen den Gewalten. So gesehen ist die aktuelle Zurückhaltung aus meiner Sicht geboten. Fragen, die keinen Einfluss auf den Ausgang des Verfahrens haben, beantworten wir transparent. Die Justizdirektion wird nach dem rechtskräftigen Abschluss eine Beurteilung vornehmen. Dann wird geklärt, ob es Bereiche gibt, in denen Handlungsbedarf besteht.

Beim Resort in Andermatt hat es Verzögerungen gegeben. So steht das versprochene Schwimmbad bis heute nicht. Hat Ihnen der Mut gefehlt, Samih Sawiris die Stirn zu bieten?

Z’graggen: Nein, es ist ein grosses Projekt, das in einem Umfeld mit verschiedenen Faktoren entsteht. Deshalb muss man sich bewusst sein, dass es eine gewisse Flexibilität braucht. Mit dem Arabischen Frühling, der Zweitwohnungsinitiative oder dem starken Franken gab es Faktoren, die nicht vorhersehbar waren. Das man dann bei einem Milliardenprojekt entsprechend reagiert, neu verhandelt und in einzelnen Punkten abwartet, finde ich korrekt.

Die Gemeindestrukturreform ist bachab gegangen. Wollen Sie wirklich Gemeindefusionen, oder sind Sie nur halbherzig dabei?

Z’graggen: Ich und der Regierungsrat waren vom Gesetz überzeugt. Das Stimmvolk hat den Vorschlag aber nicht goutiert. Dagegen hat es die Verfassung geändert. Nun ist der Weg für Fusionen offen. Für mich ist es der Königsweg, wenn Gemeinden den Anstoss selber erbringen.

Veröffentlicht unter Politik Uri | Hinterlasse einen Kommentar

Kommentare sind geschlossen.