Tellenfahrt 2016

Rede Landeswallfahrt, Tellskapelle vom 29. April 2016

 

Hochwürdige Geistlichkeit

Herren Regierungsräte, Herr Landratspräsident, Damen und Herren Landräte

Liebe Tellenfahrerinnen und Tellenfahrer

Liebes Volk von Uri

 

Seit 455 Jahren halten wir hier an der Tellsplatte ein ewiges Jahrzeit für alle, „welche um des Vaterlands Willen gestorben sind, sowie aller Altgläubigen wegen ihres Glaubens umgekommenen Katholiken“.

Der Kanton Uri besitzt fünf Schlachtenbanner, die für diese schweren Zeiten und Herausforderungen unserer Vorfahren stehen. Sie befinden sich im Rathaus in Altdorf. Diese fünf Banner waren jedes für sich an einer oder diversen historischen Schlachten dieses Landes dabei.

Bemerkenswert ist das jeweilige Eckquartier – dieses Eckquartier mit dem Kreuz Christi wurde vor der Schlacht angebracht. Damit stellten sich die alten Eidgenossen vor der Schlacht unter den Machtschutz Gottes. In schwierigsten Zeiten fanden unsere Vorfahren Halt in der Dimension Gottes.

Heute haben wir oft das Gefühl, den Boden unter den Füssen verloren zu haben. Überall sucht man Halt und findet ihn nicht. Das scheint ein Problem unserer Zeit zu sein. Menschen fühlen sich, trotz Reichtum, trotz sozialer Sicherheit, entwurzelt – mehr entwurzelt als unsere alten Eidgenossen, die sich voll Vertrauen vor schwierigsten Prüfungen unter den Schutz Gottes gestellt und ihm vertraut haben. Paul Tillich sah das  bereits 1958 als Symptom einer umfassenden, kulturellen, ja spirituellen Krise. Er sagte, „uns sei die Dimension der Tiefe verloren gegangen“.

Mit der Dimension der Tiefe meinte er den tragenden Grund, den nährenden Boden, worin wir Wurzeln schlagen können. Die Quelle aus der uns Sinn, Freude, Vertrauen und Liebe zuwachsen. Wer diese Dimension verloren habe, frage nicht mehr nachdem „woher er komme und wohin er gehe, was er tun und was er machen solle in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod. Diese Fragen werden – so Tillich – nicht einmal mehr gestellt, wenn die Dimension der Tiefe verloren sei. Wir sorgen uns von Tag zu Tag um so vieles – um Karriere, um Partnerschaft, um Gesundheit – und fühlen uns doch als einzelne und als Gesellschaft leer und haltlos. Die rastlose Betriebsamkeit hält uns von der Dimension der Tiefe ab. Eine unglaubliche Dynamik und Geschwindigkeit, die mediale Umwelt und die vielfältigen Zerstreuungen lassen uns nicht zur Ruhe, zu Besinnung kommen.

Aber gerade Stunden wie die heutige – die gemeinsame Besinnung an der Tellenfahrt – kann uns diese Ruhe geben, kann uns die Dimension der Tiefe eröffnen. Das ist das Heilmittel, wenn uns einzelne oder uns als Gemeinschaft das beängstigende Gefühl der Boden- und Haltlosigkeit überkommt. Wenn wir als Gesellschaft sicher auf der Dimension der Tiefe, auf Gott, auf unseren Werten aufbauen, können wir getrost den vielfältigen Herausforderungen auch unserer Zeit entgegenblicken.

Wir stehen also heute hier in einer Reihe von vielen Menschen, die sich alljährlich seit Jahrhunderten zum Gebet getroffen haben und treffen. Wir stehen als Glied in der Kette unserer Vorfahren. So viele Gebete sind in all diesen Jahren über den wunderbaren Urnersee geklungen. Das ist mehr als eine Tradition – es ist ein Band, das unsere Gemeinschaft bindet in der gemeinsamen Bitte für unser Land und unsere Freiheit.

Auch heute noch sterben Menschen um der Freiheit willen  und ganz besonders bedrückend ist es, dass viele Christen in der Welt um ihrer Religion willen verfolgt und getötet werden – auch ihnen soll heute unser Gebet gelten.

Die Dimension der Tiefe, Mut und Tatengeist steht in den Bannern im Rathaus von Uri geschrieben. Die Träger dieser Banner, die die unter Ihnen für das gekämpft haben was wir heute haben und auch diejenigen, die durch die Schlachten ihre Liebsten verloren haben, sind nicht namenlos und in der Vergessenheit untergegangen, weil wir ihrer jedes Jahr hier an der Tellskappelle gedenken.

 

 

 

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