Festrede am 1. August auf dem Rütli

Der Bundesrat beschloss das 600 Jahr Jubiläum des Bundes von Uri, Schwyz und Unterwalden am 1. August 1891 pompös zu feiern. Aber nicht in Uri, sondern in Schwyz. Ein skandalöser Entscheid für die Urner Regierung.

Hatte doch Aegidius Tschudi in seiner Schweizer Chronik um 1534 nachgewiesen, dass der Rütlischwur am Mittwoch vor Martini 1307 stattgefunden hatte. Erst 1758 wurde in Schwyz der Bundesbrief von 1291 gefunden und zum Gründungsdokument der Schweiz erhoben. Das sollte also 1891 gefeiert werden. Der eigentliche Skandal aus Urner Sicht war, dass nicht mehr Uri mit seinem Wilhelm Tell die Ehre zukam, die Eidgenossenschaft gegründet zu haben, sondern Schwyz.

Die empörten Urner legten Protest beim Bundesrat ein – vergeblich. Um klar zu machen, wer die führende Rolle bei der Gründung der Eidgenossenschaft gespielt hatte, gossen sie ihren Wilhelm Tell in Erz. Sie liessen selbstbewusst die Jahreszahl 1307 in den Sockel des Telldenkmals einmeisseln. Diese Jahreszahl steht da noch heute in Altdorf.

1291 blieb das Gründungsdatum. Der 1. August blieb Bundesfeiertag. Auch wir in Uri finden das heute gut. Dafür zahlt Schwyz noch heute in den NFA ein. Und auch das ist gut. So viel Gerechtigkeit muss sein!

Sehr geehrte Damen und Herren

Von Herzen willkommen auf dem Rütli im Kanton Uri und das am 1. August und nicht in der Kälte im November am Mittwoch vor Martini!

Der Rütlischwur und Wilhelm Tell sind seit dem 19. Jahrhundert besonders mit dem Drama Willhelm Tell von Friedrich Schiller als Nationalmythos der modernen Schweiz ausgebaut worden.

Schiller sagte damals: „Die Urner sind es, die am längsten säumen“, weil sie als letzte der drei Waldstätten auf dem Rütli eintrafen. Moderner fasst diese Verspätung von uns Urnerinnen und Urner ein amerikanischer Historiker: „Wenn die Welt untergehe, möchte er in Uri leben, dort würde es drei Tage später geschehen“.

Auch wir in Uri wissen, dass die moderne Schweiz 1848 als Bundesstaat gegründet wurde. Schiller besingt den Rütlischwur aber so einmalig schön, dass ich ihn hier mit dieser uns in Uri eigenen Verspätung wiederhole:

„Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen“.

Bei diesen Worten klingt in uns etwas an. Sie berühren das Herz! Geschichte oder Mythos hin oder her!
Volk und Stände, haben 1999 in einer Volksabstimmung die revidierte Bundesverfassung beschlossen. In den Auftaktworten zur Verfassung schwingen noch immer die Worte des Schillerschen Rütlischwurs nach:

Im Namen Gottes des Allmächtigen!
Das Schweizervolk und die Kantone,
in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,
im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,
gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen, geben wir uns die Verfassung“.

Die Heldengeschichte von Tell ist heute in das Land der Mythen verwiesen, der Rütlischwur und der Bundesbrief in Frage gestellt. Er sei ein Bündnis unter vielen anderen gewesen – doch der Bundesbrief liegt in Schwyz im Bundesbriefarchiv. Nicht ein Mythos übrigens sind die wichtigen Rollen der Frauen in der Schillerschen Tellsgeschichte. Sie waren Vorantreiberinnen des Aufstands. Schiller war da seiner Zeit weit voraus!

Wir seien – so Peter von Matt – eine postheroische Gesellschaft. Wir würden unsere Identität vorwiegend aus der Ablehnung von Heldentum oder gar nationalem Opfermut beziehen. Doch auch die Gesellschaft, die keine Helden mehr verehre, bedürfe der kollektiven Erinnerung und der gemeinsamen Geschichte.

Warum bleiben sie uns aber so im Herzen diese gemeinsamen Erzählungen? Weil sie sind Teil von etwas sind, das mehr ist, als wir selber. Etwas, das über uns herausragt. Sie sind Teil der Seele der Schweiz. Schlägt in Zürich, in Genf oder in Zug das wirtschaftliche Herz der Schweiz, so liegt auf dem Rütli gleichsam die Seele der Schweiz. In der Präambel der Bundesverfassung nennen wir es: „Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften“.

Ausser Zweifel steht, dass General Henri Guisan am 25. Juli 1940 mit einer Rede hier auf dem Rütli Geschichte geschrieben hat. Im Moment höchster Anspannung und grösster Gefahr versammelte er die Offiziere wie an einer Landsgemeinde um sich. Nicht auf irgendeinem Kasernenplatz, sondern hier an diesem einmaligen Ort, auf dem Rütli. Auf der Wiese also, auf der 1291 die Eidgenossen ihren ersten Bund beschworen hatten.

Wir wissen nicht, was der General an diesem wolkenbehangenen Donnerstag genau gesagt hat. Dennoch hat diese Rede Schweizer Geschichte geschrieben. General Guisan machte den Offizieren Mut, gab ihnen Vertrauen und schwor sie zum Widerstand gegen Nazideutschland ein. Die Rede entfaltete dieselbe Wirkung in die ganze Schweizer Bevölkerung.

Vor ein paar Wochen sassen Regierungsvertreterinnen und -vertreter aller Kantone zusammen mit dem Bund in einer Sitzung. Es ging um einen vieldiskutierten Vertrag mit Europa. Da hörten wir Kantone vom Bund. „Wissen Sie, David gegen Goliath siegt nur in der Bibel“.

Goliath der Riese, sechs Ellen und eine Spanne gross (zwei Meter 92) trug einen Helm und einen Schuppenpanzer aus Bronze Das wog 60 kg. Goliath an der Spitze der Philister rückte vor. Von der Reihe der Israeliten aus lief David schnell auf Goliath zu, griff in seine Hirtentasche, nahm einen Stein heraus und traf Goliath mit der Steinschleuder an der Stirn tödlich. Goliath schwer, gefangen in der Unbeweglichkeit seiner Rüstung verlor den Kampf gegen den agilen und mutigen David, der auf seine eigenen Fähigkeiten vertraute.

Hätte General Guisan damals die Unmöglichkeit des Sieges von David vor Augen gehabt und diese Worte auf dem Rütli gesprochen, wäre seine Rede wohl kaum zu Ruhm gekommen und wer weiss, die Schweiz wäre vielleicht heute eine andere.

Auch heute ist die Kraft und der Mut der Generation Guisan in unseren Herzen angelegt. Ich habe einmal gelesen, dass wir Menschen am meisten Angst davor haben, unsere innere Stärke zu zeigen. Es ist, wie das Beispiel Davids zeigt, nicht die Grösse entscheidend, sondern das Vertrauen in die eigene Stärke.

Die kleine, innovative Schweiz geht mutig ihren Weg. Die Schweiz ist ein verlässlicher Partner in der Mitte Europas, ein neutrales Land, das seine guten Dienste auf der ganzen Welt anbietet. Europa profitiert von dieser Partnerschaft.

Wir bauen die NEAT und den 2. Gotthardstrassentunnel für viele Milliarden von Franken. Die Schweiz stellt sich für den internationalen Personen- und Gütertransit zur Verfügung. Elektrischer Strom fliesst über grosse Hochspannungsleitungen über die schönsten Landschaften der Schweiz. Die Luftstrassen über die Schweiz gehören zu den meist beflogenen der Welt, mehrheitlich von Flugzeugen, die nicht in der Schweiz landen und starten. Die Schweiz und ihre Bewohnerinnen und Bewohner tragen die Lasten eines Zentrumlandes auch im Interesse Europas.
Jeder Kanton der Schweiz trägt Lasten für die anderen Kantone und für den Bund. Schwyz – wie am Anfang gesagt – und weitere Kantone zahlen in den NFA, den interkantonalen Finanzausgleich. Wieso? Es wäre ja viel einfacher, wenn sie für sich schauen würden und sagen, ihr anderen geht uns nichts an. Aber Volk und Stände haben den NFA in einer Volksabstimmung angenommen. Auch starke Kantone sagten ja, weil wir wissen, dass sich das Wohl des Starken am Wohl des Schwachen misst. 

Föderalismus ist mehr als nur der Finanzausgleich:
Drei kleine Mädchen kommen zur Frage, wo eigentlich die kleinen Kinder herkommen? Das deutsche Mädchen weiss die Antwort sofort: «Die kleinen Kinder bringt der Storch». Das französische Mädchen ist der Meinung, dass das mit den Kindern, das habe etwas mit Liebe zu tun. Nur das Schweizer Mädchen tut sich schwer mit der Antwort. Erst als die anderen beiden es drängen, meint es: «Bei uns in der Schweiz ist das von Kanton zu Kanton verschieden!».

Sie lachen? Sehen Sie, Föderalismus macht glücklich und der Föderalismus ist Grundlage für den Erfolg unseres Landes. Die Glücksforschung des Ökonomen Bruno S. Frey zeigt das.

Wir zählen in Umfragen regelmässig zu den glücklichsten Menschen der Welt. Es sind individuelle Faktoren wie Alter, Gesundheit, Ausbildung, Wirtschaftslage und die Arbeit. Es geht uns wirtschaftlich gut. Das ist die Basis für Glück.

Es ist Aufgabe des Staates, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass jeder und jede in Freiheit das eigene Glück finden kann. Und wenn die Stricke reissen, was in jedem Leben passieren kann, können wir uns auf den gemeinsam gebauten Sozialstaat verlassen.

Der Glücksforscher kommt aber zu einem weiteren Grund, warum das Schweizervolk so glücklich ist. Es ist das politische System! Je mehr Mitbestimmung und Mitsprache Menschen haben, desto glücklicher sind sie. Eine Studie sagt, dass 10% einer Gesellschaft, wenn sie genügend gut argumentiere, die Mehrheit von neuen Lösungen überzeugen kann.

Bei uns reichen auf Bundesebene 100’000 Unterschriften, auf Kantonsebene noch weniger, um eine Volksabstimmung herbeizuführen. Wenn drängende Probleme auftreten, können wir – und das ist in keinem anderen Land möglich – mit einer Initiative die Veränderung anstossen. Wir müssen aber das Volk und die Kantone von der Notwendigkeit überzeugen. Dazu braucht es die demokratische Debatte.

Fast zur gleichen Zeit als Schiller den Tell verfasste, stand Magdalena Mooser am Pranger auf dem Hauptplatz in Schwyz, um den Hals ein Plakat mit ihrem Vergehen: Obstdiebin. Alle konnten sie verhöhnen. Immerhin mussten sie aber Magdalena direkt gegenübertreten. Ende des 19. Jahrhunderts wurde endlich der Pranger abgeschafft. Interessant ist, dass zur gleichen Zeit die Zeitungen aufkamen.

Heute gibt es soziale Netzwerke sowie Kommentarspalten in den Online-Medien, die Menschen an den Pranger stellen. Die grosse Wut, die Häme – wie damals gegen Magdalena Mooser – nur im Schatten der Anonymität – sind teilweise hemmungslos. Woher kommt diese Wut und Unversöhnlichkeit? Das ist doch keine kritische, freie und demokratische Debatte mehr, wie wir sie in der direkten Demokratie brauchen.

Offenbar gibt es Dinge, die das Gerechtigkeitsempfinden so verletzten, dass diese Form der Meinungsäusserung gewählt wird. Mit Initiativen, Referenden und mit Volksabstimmungen können wir verändern. Wir müssen einfach die Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit den besseren Ideen überzeugen.

Goldstandard der Schweizerischen Beteiligungsdemokratie ist das Milizsystem. Viele von den Bundesfeiergästen sind Vertreterinnen und Vertreter dieses wichtigen Pfeilers des Erfolgs unseres Landes. Eine Umfrage bei Gemeinderätinnen und Gemeinderäten zeigt aber, das es oft an Wertschätzung für diese so wichtige, anspruchsvolle Arbeit fehlt. Müssen wir deswegen feststellen, dass sich immer weniger Menschen, in der Milizarbeit engagieren wollen oder können, obwohl gerade dieses Engagement gemäss Glücksforschung zur Zufriedenheit beitragen würde.

Was können wir tun, um die zentrale Säule des Erfolgs der Schweiz zu stärken? Schwankt nämlich der Grund auf dem wir stehen, schwankt das Gebäude. Das Jahr der Milizarbeit zeigt uns, wie wichtig diese Form der Beteiligung ist. Gut ist, dass viele Unternehmen das erkennen und Milizarbeit fördern und unterstützen wollen. Wir müssen sicher diskutieren über bessere Bedingungen für die Milizarbeit, wie die Höhe der Entschädigung, Steuerentlastungen oder Anerkennung der Milizarbeit als Weiterbildung. Vordringlich ist aber ist die Wertschätzung des Einsatzes von so vielen Menschen für die Gemeinden und Vereine. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Arbeit – ich danke Ihnen für die Aufrechterhaltung des Schweizer Goldstandards.

Ein grauenhaftes Unwetter erfasste am 31. Juli vor 42 Jahren den Kanton Uri. Ich wohnte mit meinen Eltern und meinen Geschwistern in Silenen. Von den Bergen donnerten riesige Steinlawinen ins sonst so friedliche Dorf. Das ohrenbetäubende Grollen der Steine flankiert von Donnerhall machte uns Angst. Wir waren aber mit andern Müttern und Kindern in einem Haus sicher untergebracht, das schon seit ewigen Zeiten dort stand. Mein Vater war mit den anderen Männern aus der Nachbarschaft hinaus in die schreckliche Nacht gegangen. Unverständlich für mich als Kind. Heute weiss ich, wieso sie sich so in Gefahr begaben. Da standen Hunderte von Autos mit Menschen aus allen Ländern auf der Strasse. Jemand musste diese in Sicherheit bringen.

Immer wieder bei Unwettern, bei Feuersbrünsten, bei Stürmen rücken Sie dahin aus, wo eigentlich niemand hinwill. Ich danke Ihnen. den Feuerwehrfrauen und –männern im Namen der ganzen Bevölkerung für diesen heldenhaften Einsatz und ich gratuliere dem Schweizerischen Feuerwehrverband zum 150 Jahr Jubiläum.

Sie – Vetreterinnen und Vertreter der Milizorganisationen – haben sich gelöst von den Worten „es sollte doch endlich jemand etwas tun“. Sie tun! Das Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer in Sie ist darum hoch. Dieses Vertrauen ist unsere aller Dankbarkeit und Wertschätzung für Ihre grosse Arbeit.

Unsere Erzählungen und unsere Geschichte brauchen wir gerade in der heute eher nüchternen Zeit. Die schönen Worte Schillers hallen bis in die Bundesverfassung nach. Das Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften ist unser Fundament.
Wir haben miteinander immer grossartige Lösungen für unser Land gefunden. Wir haben Neues zwar oft nur widerstrebend angenommen. Heute ist aber vieles, das einmal bestritten war, liebgewonnene Tradition geworden.
Nicht Grösse ist entscheidend für den Erfolg im Gegenteil, es ist das Wissen, dass aus der Kleinheit, von unten nach oben, Stärke resultiert. So sind eigenständige Bürgerinnen und Bürger, Gemeinden und Kantone die Erfolgsgaranten auch in Zukunft. Unsere politischen Institutionen vor allem die direkte Mitbestimmung und Einflussnahme tragen zu unserem Glück bei.
Wir dürfen daraus ableiten, dass es uns- wenn wir uns alle immer wieder einbringen – auch in Zukunft gelingen wird, Antworten und Lösungen für unsere Schweiz zu finden. So ist unser Land bestens vorbereitet für die Zukunft, was auch immer sie uns bringen mag.

Das Rütli erinnert uns daran, dass unser Land auf einem Vertrag dreier Länder beruht, die sich freiwillig zusammentaten, um Zukunft zu gestalten. Das Rütli steht für Gemeinschaft und Solidarität gerade in schwierigen Zeiten und für gegenseitige Hilfe. Das Rütli ist mehr als eine idyllische Wiese über dem Urnersee. Es ist allein schon mit der fantastischen Aussicht auf den Urnersee und die Innerschweizer Bergwelt ein einzigartiger Ort.

Wenn ich auf dem Rütli bin, überkommt mich immer eine feierliche Stimmung. Auf dem Rütli schwingt etwas mit, das grösser ist als wir. Etwas, das über uns hinausgeht. Es ist die Erhabenheit des Rütlis, die Seele der Schweiz, die unsere Herzen berührt.

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren 1. August. Nehmen Sie viel von der Ruhe, Gelassenheit und Erhabenheit des Rütli mit nach Hause.

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